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Brand 20.20.1999

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Brand 20.20.1999

Der Brand bei der MERCK KGaA am 20.10.1999.
Ein Thema für die IGAB?

Am 20.10.99 zwischen 12.05 und ca. 14.00 Uhr ist die alte Polyproduktionsanlage zur Herstellung von Pharmawirkstoffen und Chemikalien der MERCK KGaA im Werk Darmstadt (interne Bezeichnung G1) durch eine Explosion und einen Brand weitgehend zerstört worden. Ein Mitarbeiter erlitt schwere Brandverletzungen, zwei weitere wurden verletzt.

Der Brand war in weiter Umgebung durch die freigesetzte Rauchwolke sichtbar. Welche Gefahr bestand und welche Stoffe in welcher Menge freigesetzt wurden ist unbekannt. Die MERCK KGaA hatte der IGAB die Übersendung einer Aufstellung der Stoffe und Stoffmengen, die sich zum Brandzeit­punkt im Bereich des Brandes sowie in der gesamten Anlage befanden, zugesagt. Sie liegt bislang nicht vor. Ledig­lich der übersandten Zeitung Merck-informiert (04.11.99) kann die IGAB ent­nehmen, daß aus der abgebrannten Anlage verschiedene Chemikalien zur Entsorgung geborgen wurden.

Nach Angaben der MERCK KGaA vom 21.10. ist beim Umpumpen von Methyl-Cyclohexan durch eine Kunststoffleitung in dieser ein Leck entstanden. Das aus­strömende Lösemittel bildete ein brennbares Dampf-Luftgemisch, das wahrschein­lich durch statische Elektrizität gezündet wurde. Hierdurch kam es im Erdgeschoß und Südteil des Gebäudes G1 zu einer Explosion, die einen Teil der Außenmauer wegsprengte. Der nachfolgende Brand lief über 4 Geschosse bis zum Dach, von wo er sich durch die brennbare Dachbedeckung in die nördlich angrenzenden Brandab­schnitte des Gebäudes zunächst waagerecht und dann nach unten ausbreitete.

Das Produktionsgebäude war 1975 baurechtlich genehmigt worden. Die letzte im­missionsschutzrechtliche Änderungsgenehmigung war am 28.08.97 erteilt worden. Diese Genehmigung enthielt zahlreiche Nebenbestimmungen, die u.a. eine Nachbes­serung des Brand- und Explosionsschutzes zum Ziel hatten. Nach Angaben des Un­ternehmens war die Genehmigung jedoch nicht umgesetzt worden.

Die Anlage gehörte zur der Gruppe der sog. Polyproduktionsanlagen. Während in anderen Anlagen bestimmte Apparaturen bestimmten chemischen Reaktionen zuge­ordnet sind, werden in diesen Anlagen verschiedenste Stoffe durch chemische Reak­tionen nacheinander in der gleichen Apparatur oder in wahlweise zusammengestellte Apparaturen hergestellt. In der Anlage G1 wurden auch eine Vielzahl von sehr gifti­gen, giftigen, ätzenden und krebserzeugenden Stoffen eingesetzt. Sie unterliegt daher der Störfall-Verordnung, weshalb Technik und Betrieb dem Stand der Sicherheits­technik entsprechen mußten.

Die letzte bekanntgewordene Betriebstörung in der abgebrannten Anlage G1 hatte sich am 14.4.99 ereignet, als eine Glaskolonne zerplatzte und Essigsäure, Aceton und Essigsäureanhydrid freigesetzt wurden, wodurch es zu einer erheblichen Geruchsbe­lästigung kam.

Im Rahmen der Pressekonferenz der MERCK KGaA am 21.10.99 und des nachfol­genden Ortstermins war festzustellen:

1.  Die Brandwände in dem Anlagengebäude waren trotz weicher, brennbarer Dach­haut nicht über das Dach hochgezogen worden. Dies ermöglichte eine Brandaus­breitung von einem Brandabschnitt des Gebäudes in andere über das Dach. Die brennend abtropfende Bitumendachbahn führte zu ei­ner Brandausbreitung nach unten.

2.  Direkt vor dem Raum, in dem sich die Explosion ereignete, waren Kanalbauar­beiten durchgeführt worden. In diesem Zusammenhang war die im Erdboden ver­legte Erdungsleitung unterbrochen worden. An dieser waren nicht nur der Blitz­ableiter sondern (soweit von außen erkennbar) auch Erdungen für Anlagenteile im Gebäude angeschlossen gewesen. Diese hatten im Bereich der Explosion und des Brandes durch die Unterbrechung offensichtlich keinen Kontakt zur Erde mehr gehabt. Es wäre insofern denkbar, daß die Zündung durch statische Entladung durch eine Unterbrechung der Erdung durch Bauarbeiten außerhalb des Gebäudes ermöglicht wurde.

3.  Die Rohrleitung, durch die das Lösemittel Methyl-Cyclohexan gepumpt wurde, war nicht aus leitfähigem Metall sondern aus Polyolefinen (eine Kunststoff­gruppe). Gleichwohl waren durch sie verschiedene Lösemittel, wie Xylol, Toluol und Methyl-Cyclohexan gefördert worden, obwohl Polyolefine hiergegen eine eher eingeschränkte Beständigkeit aufweisen. Über ihre Auslegung gegen Druck­stöße, wie sie beim Ansprechen von Überfüllungssicherungen beim Umpumpen auftreten können, ist nichts bekannt. Es wäre denkbar, daß im Rahmen des Sicherheitskonzepts für die Anlage und der Genehmigungsverfahren zwar die Be­ständigkeit der Apparate gegen Chemikalien und Drücke geprüft wurde, jedoch die Prüfung der Rohrleitungen gegen diese Belastungen nicht mit der gleichen Sorgfalt erfolgte.

Aus Sicht der IGAB ist zunächst festzuhalten, daß der Brand die Bedeutung des in den letzten Jahren von der MERCK KGaA erarbeiteten Zonierungskonzepts für die Nutzung des Werksgeländes unterstreicht. Nicht nur der zum Brandzeitpunkt günsti­gen Windrichtung sondern auch der Lage der Anlage im Südteil des Werksgeländes ist es zu verdanken, daß eine Beeinträchtigung von Arheilgen (soweit bekannt) un­terblieb. Da Brände in allen Arten von Anlagen auftreten können, sollte die Errich­tung von Anlagen zur Verarbeitung sehr gefährlicher Stoffe auf den Südteil des Werksgeländes beschränkt bleiben. Die IGAB wird sich hierfür im Rahmen von Ent­scheidungen über die Nutzung des Arheilgen zugewandten Erweiterungsgebiets der MERCK KGaA A23 gegenüber der Stadt Darmstadt und dem Regierungspräsidium einsetzen.

Zwar liegen die Untersuchungsberichte des Landeskriminalamtes und Umweltam­tes zu den möglichen Ursachen des Brandes noch nicht vor, jedoch muß bereits nach dem derzeitigen Kenntnisstand davon ausgegangen werden, daß Mängel im Brand- und Explosionsschutz zumindest für die Ausweitung des Brandes mitverantwortlich waren. Dies unterstreicht die Notwendigkeit, daß sich Bürger aus Arheilgen an Ge­nehmigungsverfahren für derartige Anlagen beteiligen und auf derartige Mängel hinweisen. Bei der Anlage G1 war dies 1997 geschehen, was zu den zusätzlichen Brandschutzauflagen in der letzten Genehmigung beigetragen haben dürfte. Ange­sichts möglicherweise dennoch verbliebener Mängel stellt sich die Frage, ob von Seiten der IGAB auch noch die Umsetzung derartiger Auflagen stärker als bisher kontrolliert werden muß.

Nicht akzeptabel ist die Informationspolitik des Unternehmens. Weder den Pressebe­richten noch den direkt vom Unternehmen erhaltenen Informationen ist bislang zu entnehmen, welche Stoffe in welchen Mengen zum Zeitpunkt des Brandes im Gebäude waren. Eine eigene Abschätzung welche Stoffe daher freigesetzt worden sein könnten, kann deshalb nicht angestellt werden. Unklar bleibt in Folge dessen auch, welche Gefahr tatsächlich bestand. Die IGAB wird sich dafür einsetzen, daß derar­tige Angaben, über die das Unternehmen aufgrund rechtlicher Pflichten bei derarti­gen Anlagen jederzeit verfügen muß, auch ihr kurzfristig übermittelt werden. Nur dann kann jeder Arheilger selbst entscheiden, welche Vorsichtsmaßnahmen er ggf. ergreifen will, sollte eine Brand- bzw. Schadstoffwolke doch einmal in Richtung Arheilgen ziehen.

Der IGAB Vorstand hat in einem Brief an die MERCK KGaA die Über­sendung der zugesagten aber noch ausstehenden Informationen angemahnt. Sobald diese vorlie­gen wird die IGAB mit der MERCK KGaA über den Brand und ihre Beurteilung desselben sprechen. Ein Mitglied der IGAB hat bzgl. der Anlage G1 beim Regierungspräsidium Darm­stadt einen Antrag auf nachträgliche Anordnung und Akteneinsicht gestellt. Hier­durch soll sicher gestellt werden, daß die IGAB auch von dieser Seite Informationen über Ursachen und Hintergründe des Brandes erhält, sowie Mängel im Rahmen der Wiedererrichtung des Gebäudes G1 tatsächlich beseitigt werden.

Wie die Ereignisse um G1 verdeutlichen, muß sich die IGAB auch weiter dafür ein­setzen, daß die MERCK KGaA die Maßnahmen zum Brand-, Explosions- und Um­weltschutz verstärkt. Dies wird sie insbesondere sowohl im Zusammenhang mit der Wiedererrichtung der alten Polyproduktionsanlage G1 tun, als auch bzgl. der neuen Polyproduktionsanlage, für die das Regierungspräsidium am 20.10.99 einen Vorbe­scheid erteilt hat, mit dem das Konzept für diese Anlage zu Teilen genehmigt wurde. Bestehen bleibt auch die Forderung der IGAB an die MERCK KGaA im Gefahr­stoffhochregallager N90weitere brandschutztechnische Trennungen und eine Nach­rüstung der Löschan­lagen vorzunehmen.

Wer sich weiter informieren will oder die Arbeit der IGAB unterstützen will, ist zu den öffentlichen Vorstandssitzungen der IGAB eingeladen. Sie finden i.d.R. an jedem Dritten Dienstag im Monat um 20.00 im "Goldenen Löwen" statt.

Schreiben der IGAB an die MERCK KGaA wg. Stoffen in G1

 

IINTERESSENGEMEINSCHAFT ARHEILGER BÜRGER e.V.

 

Interessengemeinschaft
Arheilger Bürger e.V.

c/o      Dr. Hartwig Richter

     Meidnerweg 12 

     D-64291 Darmstadt

        06151 -     374892

     Fax           377445

Darmstadt, den 25.10.99

Dr. Hartwig Richter  Meidnerweg 12  64291 Darmstadt

 

Merck KGaA

Frankfurter Straße 250

64271 Darmstadt

 

 

Brand in der Produktionsanlage G 1 am 20.10.1999

 

 

Sehr geehrter Damen und Herren,

es war offensichtlich den am Brandtag herrschenden Witterungsverhältnissen zu ver­danken, daß die aufgrund des Brandes in der Produktionsanlage G 1 am 20.10.1999 entwichene Rauchwolke nicht nach Arheilgen zog und dieser Stadtteil dadurch ggf. nicht unmittelbar betroffen war. Trotzdem hat dieses Brandereignis die Arheilger Nachbarschaft sehr beschäftigt, wobei aber dieses besondere Informationsinteresse durch die Berichterstattung in den Medien keineswegs erfüllt wurde.

So hat auch die Interessengemeinschaft Arheilger Bürger bis zum heutigen Tag aus Ihrem Haus mit Ausnahme Ihrer Hauszeitschrift keine zusätzlichen aufklärenden Informationen erhalten. Dies verwundert uns um so mehr, als wir gerade im Zusam­menhang mit der Merck-Rahmenplanung und den Verhandlungen über die Beilegung des Rechtsstreits zum Hochregallager N 90 von Ihrer Seite als wichtiger Gesprächs- und Vermittlungspartner angesehen werden.

Um diesem unbefriedigenden Informationsstand abzuhelfen, bitten wir Sie uns baldmöglichst Auskunft zumindest zu den folgenden Fragen zu geben.

1.    Welche Stoffe waren in welcher Menge zum Zeitpunkt des Brandes in Gebäude G1 vorhanden und welche Stoffe wurden dort gerade verarbeitet?

2.    Welche Stoffe bzw. Stoffmengen konnten sich aufgrund des Brandereignisses bilden und entweichen?

3.    Warum stand eine qualifizierte Stoffliste nicht sofort nach dem Brand zur Verfü­gung?

4.    Auf welche Ursachen ist die Tatsache zurückzuführen, daß es zur Explosion und zum Brand am 20.10.199 kam?

5.    Welche konkreten Auswirkungen hatte der Brand auf die Areale außerhalb des Werksgeländes?

6.    Was hätte passieren können, wenn das Brandereignis das gesamte Gebäude erfaßt hätte?

7.    Welche zusätzlichen Maßnahmen planen Sie, um solche Unfälle und eine Aus­breitungen von Schadstoffen in diesem Ausmaß in Zukunft zu vermeiden?

8.    Welche Vorgehensweise schlagen Sie für die Zukunft vor, damit die Arheilger Bevölkerung so qualifiziert und zeitnah über Betriebsstörungen informiert wird, daß sie über Schutzmaßnahmen in ihrem persönlichen Umfeld gegen die Auf­nahme von freigesetzten Schadstoffen mitentscheiden kann?

Mit freundlichen Grüßen

 

Brand bei Merck Bilder


Copyright@2012 by IGAB   Letzte Änderung am 26 Januar 2012 . Danke für Ihre Anregungen